
Auch am Mittwoch, dem dritten Tag unserer Studienwoche in Strasbourg, klingelte der Wecker früh. Für unseren Geschmack definitiv zu früh. Im Pyjama schlenderten wir zum Frühstück und wären danach am liebsten nochmals zurück ins Bett gegangen. Wenn wir gewusst hätten, dass das Frühstück die einzige richtige Mahlzeit bis zum Abend bleiben würde, hätten wir uns dafür bestimmt mehr Zeit genommen. Nach diesem frühen Start und einigen letzten Vorbereitungen ging es dann für uns los in Richtung EU-Parlament.
Eine gefühlte Weltreise zu Fuss, unzählige rote Fussgängerampeln und mehrere Sicherheitskontrollen später standen wir endlich am Eingang des Besucherbereichs im Parlament der Europäischen Union. Nun begann die Hektik – aber damit auch der spannende Teil des heutigen Tages. Schnell den Rucksack und die Jacken deponieren, im Eiltempo das Mittagessen herunterschlingen, rasch das nächste Zimmer finden. Plötzlich fühlten wir uns auch ein bisschen als Teil der emsigen Betriebsamkeit des parlamentarischen Alltags.
Abstimmungen im Sekundentakt im Plenarsaal
Nachdem uns eine Präsentation einen guten Überblick über den Aufbau, die Arbeitsweise und Ziele der EU und ihrer Parlamentarierinnen und Parlamentarier verschafft hatte, ging es schnell weiter zum ersten Highlight. Über die langen Rolltreppen fuhren wir hoch in den vollen Plenarsaal des Parlaments. Hier befinden und entscheiden insgesamt 720 Abgeordnete über die Gesetze der EU. Über die Kopfhörer verfolgten wir die laufenden Abstimmungen und kamen kaum nach: Innert weniger Sekunden wurde das Gesagte in alle 24 Sprachen der EU-Mitgliedstaaten übersetzt. Und das mit einer Genauigkeit von 97 Prozent. Ein Weltrekord! Nicht nur die Geschwindigkeit der Übersetzung war aber eindrücklich, sondern auch das Tempo der Abstimmungen. Schlag auf Schlag folgten die Anweisungen der Parlamentspräsidentin: «Vote is open: Who is in favour, against, abstentions?». Und eine Millisekunde später entweder: «Amendment rejected» oder «Amendment adopted». Für uns als ungeübte Zuschauerinnen und Zuschauer schien es praktisch unmöglich, zu erkennen, wofür die Mehrheit gestimmt hatte.
Höhepunkt des Tages: Treffen mit Sibylle Berg
Anschliessend ging es die langen Rolltreppen wieder herunter, mit einem etwas nervös-freudigen Gefühl im Bauch. Denn jetzt stand das nächste Highlight auf dem Programm: Unser Treffen mit der EU-Parlamentarierin und Autorin Sibylle Berg. Die deutsch-schweizerische Doppelbürgerin hatte überraschenderweise unserer Anfrage für ein Gespräch sofort zugestimmt.

Obwohl Sibylle Berg als Mitglied der Satirepartei «Die PARTEI» ihre politische Meinung ziemlich radikal äussert und durch kontroverse Aussagen auffällt, waren wir überrascht über ihre unerwartet ruhige Art zu sprechen. Während des fast einstündigen Interviews, das eine Schülerin und ein Schüler stellvertretend für die Klasse mit ihr führten, erfuhren wir einiges über ihren Lebenslauf, ihren Alltag als Politikerin (sie bezeichnete sich zwar eher als Autorin und sowieso als «Bürgerin Europas») sowie ihre politischen Visionen. Berg, die in der DDR aufgewachsen ist und heute in Zürich lebt, zeigte sich begeistert vom System der direkten Demokratie der Schweiz. Sie erzählte uns, dass sie dieses gerne auch in der EU einführen würde – und sogar noch ausweiten würde. Jede Bürgerin und jeder Bürger sollte einmal im Leben, per Losverfahren ausgewählt, das Volk vertreten müssen. Auch sprach sie darüber, dass sie dem kapitalistischen System sehr kritisch gegenüberstünde und plädierte für eine (friedliche!) Revolution. Ihre Visionen eines neuen Systems und der Welt nach der Revolution hat sie auch in ihrem aktuellen Buch «PNR: La Bella Vita» beschrieben. «Wie würde sie das neue politische System denn nennen?», wollten wir wissen. «Realanarchie», kam es wie aus der Pistole geschossen. Auch auf die aktuelle globale Situation, unter anderem den Krieg in der Ukraine, kamen wir zu sprechen. Wie wir alle findet auch Sibylle Berg das aktuelle Töten sinnlos. Für sie ist der «radikale Dialog» die einzige Lösung, den Krieg zu beenden. Die Herrschenden dieser Welt müssten miteinander sprechen, um endlich dem Leid ein Ende zu machen.
Viel zu schnell war die Zeit um, und Sibylle Berg musste weiter zum nächsten Termin. Allerdings nicht, ohne vorher noch ein Gruppenfoto mit uns zu schiessen – natürlich mit ihr liegend auf dem Tisch (so wie sie sich in ihrem neusten Roman zeigt), das Buch von Frau Yilmaz zu signieren (diese bezeichnete sich selbst als den «grössten Groupie») und uns alle mit – mit ihrem Konterfei bedruckten – Notizbüchern zu beschenken. Und wir verliessen das Parlament beschwingt, über die Aussagen dieser ungewöhnlichen, radikalen und doch spannenden Frau diskutierend. «Definitiv ein Highlight der Woche!», so klang es von vielen Seiten.
Text: Hanna Boettcher, Marie-Louise Koch und Sheila Zafon (alle 3ma). Überarbeitet und ergänzt von Selina Tuchschmid und Ekin Yilmaz.


