
KI verändert das Schreiben – und damit auch das Lesen. Bis zur Veröffentlichung von ChatGPT sind wir lesend mit einer Autorin oder einem Autor in Kontakt getreten. Ob Gedicht oder Sachtext: Hinter den Worten stand immer ein Mensch, der sich Zeit genommen hat, etwas zu schreiben. Nun kann das auch KI. Wir werden nie mehr sicher sein können, wer oder was hinter einem Text steckt: Mensch oder Maschine oder beides (und wenn beides: mehr Mensch oder mehr Maschine?).
Auch die Klasse 2mc hat beim Verfassen ihrer Sommergeschichten KI genutzt, allerdings erst in einem zweiten Schritt. In der ersten Doppelstunde lautete der Auftrag, Ideen zu sammeln – und sie mit einem richtigen Stift auf einem richtigen Blatt Papier zu notieren. Ihre handgeschriebenen Entwürfe haben die Schülerinnen und Schüler abgegeben, der Lehrer hat gelesen und kommentiert, und in der nächsten Lektion arbeitete die Klasse mit iPad und Internetzugang an den Ideen weiter.
Entstanden sind 22 Sommergeschichten. Im Anschluss haben die Schülerinnen und Schüler die Texte gelesen und mit Herzen bewertet. Die «pause» veröffentlicht die vier Texte, die es aufs Podest geschafft haben (zwei Texte teilen sich den dritten Platz). In vielen Texten steckt lesbar mehr Mensch als Maschine. Die Jugendlichen zeigen im Rahmen des klasseninternen Wettbewerbs, wie KI eben auch eingesetzt werden kann: Als Tool, das nicht die Arbeit abnimmt, sondern den kreativen Schreibprozess unterstützt.
In den vier Geschichten geht es um einen Pool hinter einem hohen Holzzaun, um die Frage, warum man in der grössten Hitze auf einen Aussichtsturm steigt, um das rätselhafte Verschwinden eines Jugendlichen – und um eine junge Frau, die unter einem alten Baum auf ihre erste Liebe wartet.
Viel Freude beim Lesen – und einen guten Sommer!
Text: DUL / Bilder: Eliana Conte, Selina Veneruso, DUL
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Marie Engeler: Der Pool von nebenan
Jeden Sommer war es das Gleiche. Unerträgliche Hitze und keine Aussicht nach etwas Kühlem. Die Freibäder vollgestopft, Liegestuhl um Liegestuhl am Strand. Es war ja nicht so, dass ich gerade selbst auf einem lag. Aber nicht an einer italienischen Küste oder in der Karibik, sondern zuhause. Die Sonne zog langsam in den Hintergrund des Tages, aber die Hitze liess immer noch nicht nach. Der Schatten des Baumes in unserem Garten hatte sich über den Tag schon unzählige Male verschoben, so dass ich jedes Mal mit meiner Liege nachziehen musste. Nebenan kreischte es schon seit zwei Stunden und ich sah immer wieder, wie etwas Wasser über unseren hohen Zaun spritzte. Es musste herrlich sein. Das laute Platschen verriet, dass wieder jemand Anlauf genommen hatte. Kurz darauf folgte lautes Gelächter, das man bis in unseren Garten hörte. Ich musste nicht einmal hinübersehen, um mir vorzustellen, was dort passierte. Die Kinder sprangen vermutlich mit Anlauf ins Wasser, während die Erwachsenen im Schatten sassen und ein kaltes Bier tranken. Ich dagegen versuchte, mich mit einem mittlerweile schon warmen Glas Eistee zufrieden zu geben, in dem die letzten Eiswürfel schon vor einer halben Stunde geschmolzen waren. Selbst der Wind schien Ferien zu machen. Kein Blatt bewegte sich. Nur das laute Summen einer Hummel, welches sich wie einen V8-Motor anhörte, erinnerte mich daran, dass die Welt noch lebte. Wieder spritzte ein kleiner Schwall Wasser über den Zaun. Ein paar kalte Tropfen landeten auf meinem Arm und verschwanden fast augenblicklich auf der heissen, geröteten Haut. Ich schloss die Augen und wartete darauf, dass noch mehr Wasser herüberschwappte. Tat es aber nicht. Der Zaun zwischen unseren Grundstücken war eigentlich nichts Besonderes. Ein einfacher Holzzaun, inzwischen etwas verwittert und an manchen Stellen von Efeu überwuchert. Trotzdem wirkte er an diesem Tag wie eine Grenze zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite Sommerferien, Wasser und sorglose Nachmittage. Auf der anderen Seite eine Liege, deren Plastikbezug schon anfing zu schmelzen. Ich überlegte kurz, ob ich einfach klingeln und fragen sollte, ob sie noch Platz im Pool hätten. Der Gedanke war verlockend, verschwand aber genauso schnell wieder. Man macht so etwas schliesslich nicht. Stattdessen stand ich auf, ging ein paar Schritte zum Gartenschlauch und liess kaltes Wasser über meine Hände laufen. Es half ungefähr zehn Sekunden. In diesem Moment hörte ich einen dumpfen Knall von nebenan, gefolgt von einer ungewohnten Stille. Kein Lachen, kein Planschen, keine aufgeregten Kinder. Das hielt allerdings nur wenige Sekunden, danach begann es zu schreien. Neugierig blickte ich über den Zaun. Der Pool war leer. Nicht menschenleer, sondern wasserleer. Ein grosser Riss zog sich durch den Plastikrand, und das Wasser hatte sich in Form einer Welle bereits seinen Weg quer über den Rasen gesucht. Die Kinder standen weinend daneben, während die Eltern laut aufgebracht versuchten, den Schaden irgendwie zu minimieren. Ich lehnte mich wieder auf meiner Liege zurück. Die Hitze war immer noch unerträglich, der Eistee immer noch warm und der Schatten inzwischen fast ganz verschwunden. Aber irgendwie fühlte sich der Nachmittag plötzlich ein kleines bisschen gerechter an.
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Leonie Tischhauser: Ferien müssen schön sein
«Jetzt alle einmal lächeln». Diesen Satz hörte man von allen Ecken dieser Aussichtsplattform in Cagliari, der Hauptstadt Sardiniens. Überall posierten Touristen, um den Moment festzuhalten. Doch sobald die Kameras wieder verschwanden, veränderte sich auch der Gesichtsausdruck der Menschen. Anstelle des erzwungenen Lächelns erschien plötzlich Gereiztheit auf den Gesichtern.
Mir erging es ähnlich. Nur mit grosser Mühe hatte ich die 200 Stufen des Aussichtsturms erklommen und stand nun völlig erschöpft auf der Plattform. Die späte Nachmittagssonne brannte unerbittlich auf uns nieder und Schweiss drang aus jeder einzelnen Pore meines Körpers. Ungefähr zehn Minuten nach mir erreichte auch eine fremde Familie die Plattform. Ich hatte das Gefühl, ihre Köpfe waren noch röter als meiner. Wahrscheinlich lag das daran, dass sie auf die grandiose Idee gekommen waren, auch noch einen Kinderwagen samt Kind die 200 Treppenstufen hochzutragen.
In diesem Moment begann sich irgendwo in meinem Kopf eine Frage zu formen: Warum tut man sich das eigentlich an?
Eigentlich schon merkwürdig. Sobald die Sommerferien beginnen, hat man dieses seltsame Gefühl, dass das Leben plötzlich besser wird. Man verbindet diese Zeit mit Freiheit. Mit Leichtigkeit. Und mit dem Gefühl, einfach einmal nichts tun zu müssen. Man denkt an türkisblaues Meer, lange Sommerabende und daran, für einige Tage dem Alltag entkommen zu können. Und doch scheint es, als würde gerade in den Ferien eine seltsame Verpflichtung entstehen. Man muss sie geniessen. Mehr noch – man muss anderen beweisen, dass man sie geniesst.
Wenn ich ehrlich bin, ist dieser Gedanke wahrscheinlich nicht erst dort oben auf dem Aussichtsturm entstanden.
Vielleicht bereits in Genua, wo wir stundenlang auf eine Fähre warteten, die Verspätung hatte und unsere Geduld bereits zu Beginn auf die Probe zu stellte.
Oder später in der stickigen Schiffskabine, in der Schlaf kaum möglich war, weil die Klimaanlage kaputt war und selbst das Atmen unangenehm wurde. Dazu kam das ständige Schaukeln des Schiffes, wodurch einem richtig übel wurde.
Vielleicht auch auf Sardiniens endlosen Strassen, auf denen wir stundenlang durch trockene Landschaften fuhren, nur um anschliessend an überfüllten Stränden festzustellen, dass selbst ein einfacher Liegestuhl mittlerweile den Preis eines Luxusguts hatte.
Selbst am Abend schien Entspannung keine wirkliche Option zu sein. Statt einfach eine Pizza zu bestellen, liefen wir selbstverständlich noch durch eine völlig überfüllte Stadt, weil Ferien anscheinend nur dann als gelungen gelten, wenn man möglichst viel erlebt, jede Sehenswürdigkeit gesehen und keine einzige Minute ungenutzt verstreichen lässt.
Dort oben auf diesem Turm wurde mir langsam klar, dass Sommer vielleicht gar nicht das ist, was wir uns immer darunter vorstellen. Vielleicht jagen wir gar nicht wirklich der Erholung hinterher, sondern vielmehr der Vorstellung davon – dem perfekten Foto, der perfekten Reise und diesen Erinnerungen, die später zeigen sollen, dass wir gerade die beste Zeit unseres Lebens hatten.
Als ich schliesslich die zweihundert Stufen des Turms wieder hinabstieg, wurde mir etwas klar. Der schönste Gedanke dieser gesamten Reise war nicht das Meer, nicht die Landschaft und auch nicht die berühmten Strände Sardiniens.
Es war die Vorstellung, beim nächsten Mal einfach in ein Flugzeug zu steigen und nie wieder zwölf Stunden auf einer Fähre verbringen zu müssen. Denn spätestens nach diesem Urlaub klingt ein zweistündiger Flug und ein All-Inclusive-Hotel wieder erstaunlich attraktiv.
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Naella Fousseni: Sommernacht
Es ist warm. Nein, es ist heiss. So heiss, dass sich mein sonst so gemütliches Bett anfühlt, als läge ich auf einem aufgeheizten Stein. Die Bettdecke klebt an meinen Beinen, das Kissen ist längst nicht mehr kühl und der Schweiss läuft mir vom Haaransatz bis zu den Zehen. Dabei habe ich erst vor einer halben Stunde geduscht. Inzwischen bin ich schon wieder fast so nass wie unter dem Wasserstrahl.
Neben meinem Bett dreht der Ventilator seine Runden. Statt für Abkühlung zu sorgen, bläst er mir nur heisse Luft ins Gesicht. Es fühlt sich an, als sässe ich in einer Sauna mit eingebautem Luftzug. Dazu kommt sein monotones Brummen, das jede Hoffnung auf Schlaf langsam zunichtemacht.
Zwischen dem Brummen des Ventilators höre ich das regelmässige Ticken meines Weckers. In sieben Stunden wird er klingeln. Ich drehe mich auf die eine Seite. Dann auf die andere. Die Bettwäsche ist überall warm. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus.
Ich stehe auf und öffne das Fenster.
Sofort streicht ein kühler Luftzug durch das Zimmer und über meine verschwitzte Haut. Ich schliesse für einen Moment die Augen. Mein Vater würde mich umbringen. Er hasst es, wenn ich mit offenem Fenster schlafe. Er sagt immer, dass ich es Einbrechern damit viel zu einfach mache. Ausserdem sei es schlecht für die Wände. Doch in diesem Moment ist mir das völlig egal. Die frische Nachtluft fühlt sich einfach zu gut an. So gut, dass ich spüre, wie die Müdigkeit zurückkommt. Ich lege mich zurück ins Bett und drehe mich auf die Seite. Endlich fühlt sich das Kissen wieder kühl an.
Plötzlich schrecke ich auf. Ich höre das Ticken meines Weckers. Es ist 02:03 Uhr. Für einen Moment bleibe ich regungslos liegen und starre an die Decke. Ich weiss nicht, weshalb ich aufgewacht bin. Vielleicht hat mich die Hitze wiedergeweckt.
Dann höre ich ein leises Tippen. Es kommt von meinem Fenster. Sofort drehe ich den Kopf in diese Richtung, doch draussen ist es zu dunkel, um etwas erkennen zu können. Das Tippen kommt ein zweites Mal. Mein Herz beginnt schneller zuschlagen. Ich greife nach meinem Handy und schalte die Taschenlampe ein. Das Licht blendet mich sofort. Für einen Moment sehe ich alles nur verschwommen.Trotzdem erkenne ich etwas vor dem Fenster. Eine Gestalt. Sie ist gross, ungewöhnlich gross, und ihre Arme wirken viel zu lang. Erschrocken halte ich die Taschenlampe direkt auf sie. Meine Augen brauchen noch einen Moment, um sich an das Licht zu gewöhnen. Als ich endlich klar sehen kann, ist die Gestaltverschwunden. Ich springe auf und schaue aus dem Fenster. Die Strasse ist leer. Alles sieht genauso aus wie immer. Vielleicht habe ich mir das nur eingebildet. Schliesslich bin ich mitten in der Nacht aufgewacht und immer noch müde. Mit diesem Gedanken lege ich mich wieder hin.
Am nächsten Morgen klingelt mein Wecker. Beim Frühstück frage ich meinen Vater, ob er in der Nacht draussen vor meinem Fenster gewesen sei. Er versteht zuerst gar nicht, was ich meine, und verneint es dann sofort. Mehr fragt er nicht nach und ich erzähle ihm auch nicht von der Gestalt. Trotzdem geht mir die Sache den ganzen Tag nicht aus dem Kopf. Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass mein Vater etwas damit zu tun haben muss. Wahrscheinlich wollte er mir nur einen Schrecken einjagen, damit ich nie wieder mit offenem Fenster schlafe.
Für diese Nacht habe ich deshalb einen Plan. Wenn er glaubt, mich erschrecken zu können, dann werde ich ihn diesmal dabei erwischen.
Inder Nacht schleiche ich mich nach draussen und setze mich unter mein Fenster. Von hier aus müsste ich sofort sehen, wenn jemand kommt. Zuerst vergeht die Zeit überraschend schnell. Doch je später es wird, desto ruhiger wird alles. Die wenigen Autos verschwinden von den Strassen und irgendwann sind nur noch die Grillen zu hören. Durch das offene Fenster dringt das leise Ticken meines Weckers nach draussen. Ich warte und warte, doch niemand erscheint. Meine Augen werden schwer. Ich versuche wach zu bleiben, doch irgendwann muss ich eingeschlafen sein. Als ich wieder aufwache, ist es stockdunkel. Für einen Moment weiss ich nicht, wo ich bin.
Dann spüre ich einen festen Griff um mein Handgelenk. Ich reisse die Augen auf. Vor mir steht jemand. Mehr kann ich nicht erkennen. Ich versuche mich loszureissen, doch es gelingt mir nicht. Ich will schreien, doch meine Stimme versagt. Das Letzte, was ich höre, ist das Ticken meines Weckers aus meinem Zimmer.
Danach wird alles schwarz.
Auszug aus einem Polizeibericht:
Der seit Donnerstag vermisste Jugendliche wurde am frühen Freitagmorgen in einem Waldstück ausserhalb der Stadt aufgefunden. In unmittelbarer Nähe des Fundortes fanden Ermittler mehrere persönliche Gegenstände des Opfers. Darunter befand sich auch ein Wecker. Die Todesursache ist bislang ungeklärt. Zum Zeitpunkt des Verschwindens befanden sich nach aktuellem Ermittlungsstand lediglich zwei Personen im Haus: das Opfer und dessen Vater.
Weitere Informationen wurden von der Polizei bisher nicht veröffentlicht.
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Tina Ahmadi: Der letzte Sommer
Ich spürte, wie die warmen Sonnenstrahlen meine Haut berührten. Der Duft von frischgemähtem Gras lag in der Luft und man hörte das Zwitschern der Vögel. Es war einer dieser Sommertage, an denen die Zeit langsamer zu vergehen schien.
Ich ging den schmalen Weg zum alten Baum hinauf. Unter dem Baum hatten wir als Kinder unzählige Nachmittage verbracht. Dort traf ich jedes Jahr Tristan, meinen besten Freund. Für uns war dieser Baum mehr als nur ein Treffpunkt. Er war ein Ort voller Erinnerungen.
«Du bist wieder zu spät», sagte er lachend.
«Nur ein paar Minuten.»
«Ein paar Minuten können ein ganzes Leben verändern.»
Damals lachte ich über diesen Satz.
Wir setzten uns ins Gras und blickten schweigend auf die Felder. Zwischen uns herrschte keine unangenehme Stille, sondern eine Stille, in der man nichts erklären musste.
Nach einer Weile holte Tristan ein kleines Taschenmesser hervor. Vorsichtig ritzte er zwei Buchstaben in die Rinde des Baumes.
T & L.
«Damit wir uns immer an diesen Sommer erinnern», sagte er.
Ich lächelte.
«Versprich mir etwas.»
«Was denn?»
«Egal, wohin uns das Leben führt. In zehn Jahren treffen wir uns wieder hier. Am selben Tag, zur selben Uhrzeit.»
Ich streckte ihm meine Hand entgegen.
«Versprochen.»
Zum ersten Mal hielt er meine Hand etwas länger fest als sonst. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. Vielleicht war unsere Freundschaft längst mehrgeworden. Doch keiner von uns sprach es aus.
Die Sommerferien gingen vorbei. Kurz danach zog meine Familie in eine andere Stadt. Anfangs schrieben wir uns fast jeden Tag. Mit der Zeit wurden aus langen Nachrichten kurze Antworten. Irgendwann blieben sie ganz aus.
Das Leben ging weiter.
ZehnJahre vergingen.
Als ich wieder vor dem alten Baum stand, fühlte sich alles gleichzeitig vertraut und fremd an. Die Sonne schien wie damals, doch der Baum war grösser geworden. Auch die eingeritzten Buchstaben waren noch da, etwas verblasst, aber deutlich zu erkennen.
Ich wartete.
Fünf Minuten.
Zehn Minuten.
Eine Stunde.
Tristan kam nicht.
Gerade als ich gehen wollte, bemerkte ich einen kleinen Umschlag zwischen den Wurzeln. Mein Name stand darauf.
Mit zitternden Händen öffnete ich den Brief.
Liebe Ladina
Falls du das liest, habe ich unser Versprechen nicht gebrochen. Ich wurde schwer krank und wusste, dass ich diesen Tag wahrscheinlich nicht mehr erleben würde.
Trotzdem wollte ich, dass du eines weisst: Du warst der schönste Teil meiner Kindheit. Danke für jeden Sommer, den wir zusammen verbringen durften.
Vielleicht treffen wir uns irgendwann wieder, nur an einem anderen Ort.
Tristan
Ich las den Brief immer wieder, bis die Worte vor meinen Augen verschwammen und mir Tränen über die Wangen liefen.
Die letzten Sonnenstrahlen fielen durch die Äste. Zum ersten Mal begriff ich, dass manche Versprechen nicht gebrochen werden, obwohl sie nie erfüllt werden können.
Ich strich mit den Fingern über die eingeritzten Buchstaben.
Dann ging ich langsam nach Hause.
Der Sommer war derselbe geblieben.
Nur wir nicht.