Sternstunden der Pädagogik

Was für ein Theater!

Die «pause» hat eine weitere Kolumne. In «Sternstunden der Pädagogik» schreibt Lukas Dumelin über besondere Momente im Alltag eines Deutsch- und Geschichtslehrers. Die erste Kolumne handelt von einer Theatervorstellung in Nürnberg – und einem Handy, das zu klingeln beginnt.

Als der Applaus verklingt und sich die fünf Schauspieler ein letztes Mal verbeugen, fragt Schüler L. in Reihe 6 die Rentnerin neben sich: «Und? Waren wir brav?»

Eben haben wir im Staatstheater Nürnberg «Die grössere Hoffnung» gesehen, eine Bühnenadaption des 1948 erschienenen Romans von Ilse Aichinger. Die Geschichte erschüttert die Schülerinnen und Schüler: Hitler herrscht, und ihm ausgeliefert ist die elfjährige Ellen. Nach den Nürnberger Gesetzen gilt sie als halb-jüdisch, weil sie zwei «falsche» Grosseltern hat. Ihre Mutter flieht nach Amerika, ihr Vater an die Front, und die Grossmutter, die für Ellen da sein sollte, in den Freitod. Sie alle lassen Ellen allein. Mutterseelenallein.

Das Stück greift eines der Themen auf, mit dem wir uns in dieser interdisziplinären Studienwoche beschäftigen: Aufwachsen im Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt steht die Erkenntnis, wie perfid Hitler den Gruppendruck unter Heranwachsenden instrumentalisiert hat. Teil der Volksgemeinschaft war, wer in die Hitlerjugend ging. Die anderen wurden ausgegrenzt. Ellen zum Beispiel. Zu Opfern des Regimes wurden alle Kinder und Jugendlichen: die verführten und die verfolgten.

Nach einem intensiven Studientag haben L. und seine Kollegen also kurz nach 19 Uhr den Theatersaal betreten. In Reihe 6 wurden sie begrüsst von einer Zuschauerin, die juvenile Unrast während der Aufführung witterte. Die Rentnerin stand auf und begann, die Regeln zu erklären: Telefon ausschalten, ruhig sein und zuhören.

Danach war die Rentnerin nicht mehr zu stoppen. Sie erzählte, dass sie Lehrerin gewesen sei und dass sie Tastaturschreiben und Sport unterrichtet habe und dass diese Fächerkombination abwechslungsreich gewesen sei. Man sah ihr’s an: Sie freute sich über ihr Publikum. Nicht unfroh waren die Schüler, als im Saal das Licht ausging und sich die Rentnerin – die Regeln! – setzen musste. Die Bühne gehörte nun Ellen: Sie tanzte, sie sang, sie schrie. Sie hoffte, sie bangte, sie verzweifelte.

Die Vorstellung machte lebendig, was wir an diesem Tag in einem Workshop und bei einer Führung über das Reichsparteitagsgelände gesehen und besprochen hatten: Isolation, Demütigung, Verachtung. Hass, Verfolgung, Brutalität. Plötzlich klingelte ein Handy, erst leise, dann lauter. Es war – das Handy der Rentnerin in Reihe 6.

Die Schüler schauten sich mit grossen Augen an, dann blickten sie zu ihrem Lehrer, um festzustellen, dass neben ihm jemand die Störung gar nicht mitgekriegt hatte: Eine andere Rentnerin war neben dem Geschichtslehrer eingeschlafen. Im nächsten Moment rutschte ihr Ellenbogen von der Stuhllehne auf dessen Knie.

Was für ein Theater! Am Ende will der Applaus nicht aufhören. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sind sichtlich bewegt. Auch die beiden Rentnerinnen klatschen. Die eine ist nach dem Abrutschen ihres Ellenbogens wieder wach geworden. Und die Frau mit dem Handy beantwortet die Frage von Schüler L. kurz und knapp: «Ja, sehr.»

Lukas Dumelin