Zug um Zug

Gegen diese Knoblauch-Wolke hilft kein Mandarinli

Andrea Möckli, Deutschlehrerin und GA-Besitzerin, schreibt in «Zug um Zug» über ihre Erlebnisse als Pendlerin. In ihrer erster Kolumne geht's um Gerüche von Speisen – und um die von Mitreisenden selbst. Manchmal eine echte Zugmutung!

Als leidenschaftliche ÖV-Nutzerin (nicht nur für meinen Arbeitsweg an die Kanti) und als GA-Inhaberin weiss ich es zu schätzen, wenn ich – insbesondere für eine längere Zugstrecke und während Stosszeiten – einen guten Sitzplatz ergattern kann. Dann lese ich, korrigiere Aufsätze, höre Musik, schreibe eine Kolumne … und werde ab und zu mit olfaktorischen Auswüchsen konfrontiert, die es mir schwer machen, mich zu konzentrieren, und die in mir den Gedanken wecken, dass ein Essensverbot im ÖV vielleicht doch seine Berechtigung haben könnte.

Erst kürzlich wurde meine Nase herausgefordert: Meine Sitznachbarin im IC81 nach Romanshorn verzehrte gemeinsam mit ihrer im selben Abteil sitzenden Kollegin einige intensiv nach Knoblauch riechende Brötchen. Nett für die Kollegin, eine Qual für mich, da ich Knoblauch nur dann esse, wenn ich bei einer Einladung oder im Restaurant nicht unhöflich sein möchte (in meiner Küche ist Knoblauch jedoch seit jeher ein Fremdkörper – aus guten Geruchsgründen!). Nach dem Knoblauchbrötchen wurden Mandarinen aus dem Rucksack gezogen. Der Duft erlöste mich von der Knoblauch-Schwade – zumindest solange meine Sitznachbarin die Frucht schälte und wiederum an ihre Kolleginnen verteilte. Grosszügig war meine Sitznachbarin, kein Zweifel. Der weihnachtliche Duft hielt allerdings nicht lange an, denn die Knoblauchbrötchen waren nicht vollständig verzehrt, sondern die Reste wieder in ein Tupperware verfrachtet worden. Foodwaste ade! Und gute Luft ade, denn die Brötchen verströmten ihren Geruch – so schien es mir – durch alle Deckel hindurch.

Ich gebe zu: Ja, es gibt bestimmt schlimmere Gerüche. Und ja, ich hätte das Abteil wechseln und mich der Knoblauch-Wolke entziehen können. Doch gab es um diese Uhrzeit (= Stosszeit) überhaupt noch einen Sitzplatz in einem anderen Wagen? Und woher sollte ich wissen, dass mir in diesem Zug anderswo nicht noch weitere olfaktorische Monster auflauern würden? Das wären durchaus im Bereich des Möglichen gewesen.

Als ich vor einigen Jahren als Studentin (und bereits als GA-Inhaberin) nahezu täglich aus dem ländlichen und manchmal auch so riechenden Thurgau in die Stadt Zürich mit ihren Restaurant- und Abgasgerüchen reiste, setze sich eines Tages jemand in dasselbe Abteil wie ich. Dieser Jemand roch. Sehr. Stark. Nach Essen, nach Rauch, nach Ich-will-es-nicht-wissen. Erst versuchte ich, durch den Mund zu atmen, doch das half kaum. So schulterte ich angewidert meinen Rucksack und begab mich so frühzeitig wie sonst nie zum Ausgang, wo ich sehnlichst den Halt «Zürich Hauptbahnhof» erwartete. Meine Nase dankte mir den Abstand, den ich zwischen mich und die andere Person gebracht hatte, doch zugleich meldete sich mein Gewissen: Die Person hatte auf mich nicht so gewirkt, als ob sie sich regelmässig waschen und sich täglich und selbstverständlich an einen gutgedeckten Tisch setzen könnte. Ich fragte mich, ob mein Verhalten angemessen oder nicht doch übertrieben gewesen war.

Ein (vorerst) letzter Gedanke zu ÖV-Gerüchen: Der Ausstieg aus dem Zug schützt vor olfaktorischem Schrecken nicht. Denn die erste Handlung mancher Reisender ist, sich beim ersten Schritt aus dem Zug eine Zigarette anzuzünden und – so scheint es mir – genüssliche Rauchzeichen ins Gesicht der nachfolgenden Menschen zu senden. Rauchwolken lassen mich je nach Stimmung diskret hüsteln, doch effektvoller ist am Ende meist eine andere Taktik: Ich halte den Atem an und überhole im T(h)urbogang.

Andrea Möckli