
Wo ein Wille ist, ist ein Weg, und dieser Weg führt meinen dreijährigen Sohn in der Badi vom Einmeter-Brett ins Wasser. Wie zuvor hätte es ein Chöpfler werden sollen, doch das jetzt ist ein ausgewachsener Bäuchler. Die Hände, die ein Dächli über dem Kopf formen, tauchen nicht steil genug ins Wasser ein. Es platscht, der Sohn taucht schockiert auf, und der Blick vom Bademeister am Beckenrand spricht Bände: Das musste so kommen!
Dabei hab ich meinem Sohn gesagt, konzentrier dich beim Springen. Ein klassischer Richi-Moment also. Ähnlich gesagt hat’s nämlich Hermann Schönbächler auf dem Bagger im Wald von Kanada durch seinen Bart zu seinem Sohn: «Heb di.» Aber der Richi hat sich nicht gehebet und ist vom Bagger gefallen, und das hat Mona Vetsch in ihrer Auswanderersendung ungeschnitten gezeigt. Eine Meme-Vorlage sondergleichen; die Stubete Gäng hat sogar einen Song daraus gemacht, in dem Schönbächler den berühmten Satz sagt: «Richi! I ha der geseit, du söllsch di hebe!» Schönbächler selbst hat die Kommerzialisierung seiner pädagogischen Tipps vor einiger Zeit aus nachvollziehbaren Gründen öffentlich heftig kritisiert. Seither verzichtet die Stubete Gäng auf die Originalstimme.
Der Satz ist aber in der Welt, und die Richi-Momente gibt’s auch im Schulzimmer. Im Unterricht weist man jahrelang auf Wichtiges hin, und an der Prüfung geht’s vergessen. Da fragt sich ein Maturand im Geschichtsunterricht, wie man eine Quelle eigentlich analysiert. Jemand anderes stolpert bei einer Deutschprüfung über Grundlagen («Sind Epik und Lyrik nicht dasselbe?»), und bei der Rückgabe einer Vortragsbewertung wundert sich eine Schülerin über all die Abzüge: «Nein, durchgelesen habe ich das Kriterienraster nicht. Ich hab’s von ChatGPT zusammenfassen lassen.»
Das sind Momente, in denen sich der Hermann in mir meldet: Ich hab doch gesagt, dass – – – eigene Erfahrungen eben auch wichtig sind für den Lernfortschritt. Wenn man immer nur auf Lehrpersonen hören würde, würde man manche Erfahrung nicht machen. So ist es auch bei meinem Sohn. Ginge es nach mir, stünde er noch gar nicht auf dem Einmeter. Dass er dort nun einen Fehler gemacht hat, heisst aber nicht, dass er nicht will – im Gegenteil.
Dank seiner vielen Versuche geht mein Sohn im Wasser nicht mehr unter. Vielleicht lockt ihn eines Tages das Drei-Meter-Brett, und er macht einen Salto. Auch da gehören dann Fehler dazu. Edgar Allen Poe hat es einst so formuliert: «Fail, try again, fail, try again, fail better.» Klingt zwar mehr nach Demotivation als nach Ansporn, aber zumindest Stanislas Wawrinka, ewige Nummer Zwei im Schweizer Männertennis, war einst vom Zitat so angetan, dass er es sich auf den Unterarm tätowieren liess.
Das Zitat passt auch zu Richi. Unterdessen klettert er bestimmt unfallfrei aus dem Bagger. Und wer sich gelegentlich auch nervt, dass Kinder und Jugendliche Ratschläge nicht befolgen, möge sich den Song der Stubete Gäng anhören (natürlich die Fassung mit der neuen Stimme!). Im Text geht’s darum, mit welchen superguten Tipps man von irgendwelchen Leuten den lieben langen Tag so eingedeckt wird. Beim Refrain nehme man sich ein Vorbild an den Richis dieser Welt und singe laut mit: «Aha aha, mhm mhm, soo soo – Göschene-Airolo.»
Lukas Dumelin