
Die Kanti Frauenfeld wird im nächsten Februar nach rund zwei Jahren Bauzeit den Erweiterungsbau in Betrieb nehmen. Dieses neue Gebäude wird künstlerisch aufgewertet: Aus einem offenen Ideenwettbewerb für «Kunst und Bau» ging Christine Olbrich aus Vachendorf (D) mit ihrem Entwurf «Freiflug» als Siegerin hervor. Das Projekt wurde vom Beurteilungsgremium zur Ausführung empfohlen, da es das Wettbewerbsthema «Bildung!» konzeptionell und formal am überzeugendsten umsetzt.
Zwischen Wissensvermittlung und Entfaltung
Im Zentrum der zweiteiligen Arbeit steht das Spannungsfeld zwischen systematischer Wissensvermittlung und individueller Entfaltung. Olbrich installiert im Treppenhaus des Erweiterungsbaus ein vertikales Aluminiumband, das sich vom Boden bis zur Decke erstreckt. Das Band ist eine Referenz an die arithmetischen Lehrmethoden von Johann Heinrich Pestalozzi. Durch geometrische Formen und eine klare Struktur symbolisiert es die Vermittlung von Naturgesetzlichkeiten und das Erlernen logischen Denkens als Fundament des Bildungsfortschritts. Gleichzeitig ist dieses Band eine Fortsetzung des bestehenden Bands zwischen Hauptgebäude und Neubau – und verbindet so den Erweiterungsbau mit dem Campus.
Einen bewussten Gegenpol zum Band bilden vier frei fliegende Alpensegler, die ebenfalls aus Aluminium gefertigt sind und die Wände emporzuschwingen scheinen. Diese Vögel stehen mit ihrer organischen Form für die persönliche Freiheit und Kreativität der Lernenden.
Kunst am Bau kann neue Perspektiven eröffnen
Ausgewählt hat das Kunstwerk eine neunköpfige Jury, in der unter anderem zwei Regierungsräte – Denise Neuweiler und Dominik Diezi – und Chantal Roth, Rektorin der Kanti, Einsitz genommen haben. Francisco Otal, Leiter Schulverwaltung, war als Beisitzer dabei, und als Fachjurorin geamtet hat Julia Spohr, Lehrperson für Bildnerisches Gestalten an der Kanti Frauenfeld. Für sie steht fest: Kunst am Bau ermöglicht eine neue Wahrnehmung von Räumen und Architektur, in denen wir uns bewegen. «Kunst am Bau akzentuiert und erweitert die Zusammenhänge um ein künstlerisches Statement und kann überraschende, neue Perspektiven eröffnen, zum Nachdenken anregen sowie zum Verweilen einladen», sagt sie.
Für die vollständige Ausführung und Montage der künstlerischen Gestaltungen besteht ein Budget von 90000 Franken. Zusätzlich hat die Jury über eine Preissumme von 30000 Franken verfügen können. Eingereicht worden sind 48 Ideen. Fünf Beiträge (vgl. unten) sind eingehend diskutiert worden, gesiegt hat die Idee «Freiflug». Die Jury hat beschlossen, von einer weiteren Rangierung abzusehen und alle fünf Finalistinnen und Finalisten mit einem Preisgeld von je 6000 Franken zu prämieren.
Ausstellung läuft bis am 27. März
Bis am 27. März werden alle Wettbewerbsbeiträge in der Konvikthalle in Frauenfeld an der Promenadenstrasse 14 gezeigt. Die Ausstellung hat von Montag bis Freitag jeweils von 8.30 bis 17 Uhr geöffnet.
Text: MOT und DUL / Bilder: Screenshots aus dem Bericht des Beurteilungsgremiums
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Siegerprojekt «Freiflug»
Die Künstlerin Christine Olbrich (D) greift mit ihrem Siegerprojekt den Zusammenhang zwischen Grundlagenbildung (Band mit arithmetischen Lernmethoden von Pestalozzi) und selbstständigen Weiterentwicklung des Erlernten auf (vier fliegende Vögel aus flach gewalztem Aluminium).

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Projekt «In die weite Welt hinaus!»
Rolf Brülisauer verbindet den Aussenraum vor dem Erweiterungsgebäude mit dem Innenhof durch ein verspieltes Band, das Bildungswege und persönliche Entfaltung symbolisiert. Zudem knüpft es ans bestehende Band zwischen Hauptgebäude und Neubau von Künstler Gunter Frentzel an. Die Jury hat den Beitrag intensiv diskutiert; die Arbeit überzeuge bezüglich Dimension und Ausführung aber nicht restlos.

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Projekt «Entfaltung»
Vom Basler Künstler Max Leiss stammt der Beitrag «Entfaltung». Eine Stahlskulptur interpretiert Bildung als Prozess von Entwicklung, Öffnung und Transformation. Die Jury würdigt die starke Idee, stellt sich laut Bericht aber Fragen zu Ortsbezug, Sicherheit und Materialwahl.

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Projekt «Sensitive Kartographie»
Der Beitrag von Saskia Edens verbindet eine während einer Performance entstehende Freske mit einem partizipativen Projekt von Schülerinnen und Schülern. Die Jury lobt unter anderem den körperlich-sinnlichen Zugang zum Thema Bildung, empfiehlt aber das Projekt nicht zur Umsetzung wegen Grösse des Werks und wegen Zweifel an der Realisierbarkeit.

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Projekt «Nidus»
Die Arbeit «Nidus» des Zürcher Künstlerduos Maximilian Fink und Michal Florence Schorro zeigt eine 13 Meter hohe Stahlkonstruktion mit einem leeren Storchennest als Symbol für Offenheit, Erwartung und das Potenzial von Bildung. Das Nest steht für einen Möglichkeitsraum, der Halt und Schutz bietet, ohne zu bestimmen – ein poetisches Bild für Lernen als offener Prozess. Die Jury lobt die Idee und ihre Mehrdeutigkeit, äussert jedoch Bedenken zur Sichtbarkeit im Innenhof und zur Verständlichkeit der Formensprache für die Schülerschaft.

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