
Eigentlich mag sie es nicht, neue Leute kennenzulernen. Lara Gruden, eine 16-jährige Schülerin aus Matzingen, erzählt, neue Kontakte zu knüpfen sei nie ihre grösste Stärke gewesen. Doch erstaunlicherweise hat sie sich trotzdem auf das Abenteuer USA eingelassen. Ein Jahr lang hat sie in Binghamton im Bundesstaat New York gelebt.
Doch nicht ganz so spontan
Tatsächlich sei die Entscheidung zum Austausch gar nicht so spontan gekommen, wie es viele ihrer Freunde aus der Schweiz glauben mögen. Lara wusste nämlich schon seit der vierten Primarklasse, dass sie eines Tages einen Austausch bei ihrer Tante und ihrem Onkel machen wird. Dieser eine Tag kam dann nach der dritten Sekundarstufe.
Lara lebte – anders als viele Austauschschülerinnen und Austauschschüler – nicht bei einer Gastfamilie. Sie war kein Teil einer Organisation, sondern konnte in den USA bei Familienangehörigen leben. Daher habe sie nie von Heimweh berichten können.
Mit offenen Armen empfangen
Lara Gruden fiel es nicht schwer, sich einzuleben. Sie fühlte sich schnell sehr wohl. Dies aus verschiedensten Gründen. Unter anderem, weil die Menschen dort sehr offen seien. «In der Schweiz wird man zuerst beobachtet. Hier an meiner Schule heisst es eher: ‹Oh mein Gott, du bist neu? Komm, wir zeigen dir alles!›», erzählt Lara. Diese Offenheit habe ihr sehr geholfen.
Sport war ein grosser Teil des Alltags. Zuerst habe Lara Volleyball gespielt, und im Winter habe sie mit Indoor Track begonnen (Leichtathletik in der Halle). Im Frühling sei dann Flag Football dazugekommen, eine Sportart, die aus dem American Football entstanden ist. Gegen Ende der Saison erhielt sie ein Abschiedsgeschenk: einen Football, der vom ganzen Team unterschrieben wurde. Dies sei ein sehr emotionaler Moment gewesen. Es habe sogar ihrer Trainerin einige Tränen gekostet.
Ein Leben (fast) wie im Kino
Vor ihrer Ankunft entsprach ihr Bild von einer amerikanischen Highschool dem Bild, das Filme gern zeichnen: viele Footballspiele, eine grosse Schule, Cheerleader und ganz viel Drama. Ihre Schule in Binghamton habe diesen typischen Filmmerkmalen entsprochen, sie sehe auch ziemlich stereotypisch aus. Events wie beispielsweise die Pep-Rallyes – Treffen vor wichtigen Sportspielen – seien wirklich fast so wie in den Filmen. Nur etwas habe es nicht so viel gegeben wie im Film: Drama.
Besonderer «Vibe» im Schulbus
Was Lara an der Highschool gefallen hat, ist die positive Einstellung. Jeder «supportet» die anderen, und wenn’s gerade nicht Unterstützung ist, dann ist es Akzeptanz. Leute kommen im Pyjama oder mit neongrünen Haaren zur Schule, und niemand macht ein grosses Ding daraus. Es wird einfach akzeptiert.
Ende Juni ist Lara in die Schweiz zurückgereist. Sie hat viele Erinnerungen mitgebracht – und natürlich auch Koffer mit «I love New-York»-Mitbringseln. Etwas, was sie im neuen Schuljahr vermissen wird, ist der Schulbus, der sie und die anderen Schüler im Quartier abgeholt hat. Da habe ein besonderer «Vibe» geherrscht. Fortan muss sie zur Haltestelle und mit der Frauenfeld-Wil-Bahn an die Kanti fahren.
Auch die Tante ist mitgekommen
Neben den vielen Erinnerungen und den Koffern ist auch ihre Tante in die Schweiz mitgekommen. Sie hat Laras Familie in der Schweiz besucht, gemeinsam haben sie ein grosses Familienfest gefeiert. Nun steht der Start an der Kanti an. Sie ist eine von 256 Schülerinnen und Schülern, die im August in Frauenfeld starten. Lara freut sich zwar, doch sie hat auch etwas Respekt vor dem neuen Schulleben. Sie meint, die Prüfungen an der Kanti würden bestimmt viel anspruchsvoller sein als die Multiple-Choice-Tests in Amerika. Aber vor etwas habe sie keine Angst mehr: neue Leute kennenzulernen.
«Mach dir nicht so viele Gedanken. Vieles ist einfacher, als du denkst», das würde sie ihrem Ich vor einem Jahr sagen, wenn sie könnte. Und genau das nimmt sie auch mit aus dem Jahr in den USA. «Live, laugh, love – und das Leben geht weiter.»
Text: Naella Fousseni (3mc) / Bild: zVg