Die Variationen der menschlichen Konstante

Morgengruss!

Unser Physiklehrer Angelo Lombardi schreibt in «Die Variationen der menschlichen Konstante» über Menschen, Gefühle und Situationen, denen er begegnet. In seiner ersten Kolumne widmet er sich dem «simplen» Morgengruss.

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Schon auf dem Schul-/Arbeitsweg überlege ich: «Tom Waits oder Nina Simone?» Eine schwierige Entscheidung. Mann – Frau, unkonventioneller Klavierspieler versus klassische Klavierspielerin oder lieber ein trauriger Romantiker als eine Bürgerrechtskämpferin? Schwierige Entscheidung am frühen Morgen!

Bald ist es im H107 so weit, meine erste Lektion am Morgen.

Ein Schüler liegt friedlich mit geschlossenen Augen neben der Türe im ersten Stock und hört mit Kopfhörern Musik. Diese Szene hilft mir bei meiner Entscheidung: Ganz klar der «Landstreicher» Tom Waits!

Ich mache die Zimmertüre auf und hole schnell aus meinem Pult meine gute Pressung der Vinylplatte von Tom Waits, «The Heart of Saturday Night» von 1974. Ich mache mich bereit für den Unterricht und lasse drei Minuten vor Unterrichtsbeginn das groovende Piano-Blues-Lied «New Coat of Paint» laufen. Ja, laufen, nicht streamen. Und ja, Feinmotorik am frühen Morgen ist beim Absenken des Hebels am Plattenspieler gefragt und ist für meine rechte, alte Hand besser als jede andere Yoga-Übung.

Die Schülerinnen und Schüler laufen tröpfchenweise über die H107-Türschwelle und suchen ihren Lieblingsplatz. Für mich ist klar: Am Vorabend hatte ich einen genialen Auftritt des Kabarettisten Ottfried Fischer im Netz gesehen, und seine Grussform hat mich inspiriert. Heute heisst es: «Grüss Gott!»

Gestern war es zum Beispiel ein «Moin», weil die Luft ähnlich wie auf der Aussenplaza der Elbphilharmonie in Hamburg gerochen hatte. Ja, alles muss eine Erklärung haben, auch eine Grussform, sonst wäre ich im H107, dem Physik-Zimmer, am falschen Ort.

Die einen Schülerinnen und Schüler grüssen zurück, manchmal leise, undeutlich und dunkelfarbig. Einige werfen mir zusätzliche, angenehme und helle Worte entgegen, die mich vage an den Schauspieler Robin Williams und sein Geschrei zu Beginn seiner Radiosendung im Film «Good Morning, Vietnam» erinnern.

Die anderen antizipieren meinen Gruss wettbewerbsmässig und blicken mir dabei tief in die Augen, sodass auch meine letzten Neuronen wach werden.

Ich mag es, wenn die Schülerinnen und Schüler «bonjour», «hello», aber auch «buongiorno» sagen – beladen mit Emotionen und in die Zukunft des Tages blickend. Das bewegt mich zu fragen: «Oh là là, meine geschätzten Schülerinnen und Schüler … haben Sie heute eine Klausur? Nicht bei mir, gell …!»

Und dann gibt es sehr wenige, die mir entgegenkommen, als hätten sie entweder meinen Gruss nicht gehört oder wollten einfach nicht reden.
Es folgen bei mir viele Fragen: Geht es ihr/ihm nicht gut? Was ist mit ihr/ihm los? Ich entscheide mich, während der ersten Minuten sie oder ihn zu beobachten und versuchen zu verstehen, was los ist. Zum Glück stellt sich in 95 Prozent der Fälle heraus, dass alles gut ist und man einfach manchmal keine Lust hat, am Morgen zu reden.

Nach dieser erfreulichen Erkenntnis würde ich gerne laut lachen und sagen: «Ich war genau so. Ich hatte keinen Bock, am frühen Morgen zu reden. Einfach so, ohne irgendeinen logischen Grund. Ich wollte einfach nicht reden.»

Ja, es gibt tatsächlich Situationen, in denen auch im H107 kein wissenschaftlicher Grund zu finden ist.

Diese verschiedenen Grussformen spiegeln die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Bewohnerinnen und Bewohner unserer Schule. Alle haben irgendwie gegrüsst, auf ihre/seine Weise. Alles passt perfekt zum Titel (und teilweise auch zu den Inhalten) des Buches meines Lieblingsautors Luigi Pirandello: «Einer, Keiner, Hunderttausend».* Einfach schön.

Nach all diesen Reflexionen frage ich mich zum Schluss: «Wie hätten Tom Waits und Nina Simone am frühen Morgen gegrüsst?» Tom wäre vor dem Mittag wahrscheinlich gar nicht wach gewesen, und Nina wäre vermutlich ihrem Zitat «I have to live with Nina, and that is very difficult» treu geblieben.

Und am Abend, wenn ich die Lektionen für den nächsten Tag fertig vorbereitet habe, bekomme ich meinen letzten «Lehrerzweifel» des Tages: Wäre es doch besser gewesen, wenn ich die Vinylplatte von Nina Simone mit dem Lied «Ain't Got No / I Got Life» hätte laufen lassen? Ein guter Song als perfekter Ausdruck von Stolz und Existenzrecht inmitten der US-Bürgerrechtsbewegung Ende der 60er-Jahre – als Start in den neuen Arbeitstag? Ich weiss es nicht. Aber ich weiss, dass es bei mir morgen zu Beginn der Lektion «Buongiorno» heissen wird!

Angelo Lombardi

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* Ich schulde Pirandello und der Fachschaft Italienisch den Originaltitel: Uno, nessuno e centomila.

Ergänzende Informationen (alle am 14.9.2026 aufgerufen):
Tom Waits: https://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Waits
Nina Simone: https://de.wikipedia.org/wiki/Nina_Simone
Ottfried Fischer: https://de.wikipedia.org/wiki/Ottfried_Fischer
Aussenplaza der Elbphilharmonie: https://www.elbphilharmonie.de/de/plaza
Robin Williams: https://de.wikipedia.org/wiki/Robin_Williams
Film «Good Morning, Vietnam»: https://de.wikipedia.org/wiki/Good_Morning,_Vietnam
Luigi Pirandello: https://de.wikipedia.org/wiki/Luigi_Pirandello
Buch «Einer, Keiner, Hunderttausend»: https://it.wikipedia.org/wiki/Uno,_nessuno_e_centomila (auf Italienisch!)
Fachschaft Italienisch: https://www.kanti-frauenfeld.ch/ueber-uns/lehrpersonen/fachschaften.html/16883#js-accordion_control--08, dann «Fachschaft Romanische Sprachen» anklicken.

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Die Variationen der menschlichen Konstante: Ein Physiker über Menschen, Gefühle und Situationen, denen er begegnet

Der Literatur-Nobelpreisträger Luigi Pirandello würde über den Autor dieser Kolumne wohl sagen: Er ist ein Physiker, definitiv kein sprachbegabter Mensch und hat mindestens hunderttausend Hobbys. Dazu gehören Bäume fällen, Sushi kochen, defekte Vintage-Uhren der Marke Zenith kaufen und reparieren, Häuser renovieren, die Fortschritte im biologischen Weinbau verfolgen und nach einem wirksamen Mittel zur Zeckenabwehr suchen.
In der Kolumne «Die Variationen der menschlichen Konstante» geht es jedoch weder um Zecken noch um das defekte Minutenrad eines Zenith-El-Primero-Uhrwerks, sondern um Menschen. Sie ist ein Potpourri aus Begegnungen, Beobachtungen, kleinen menschlichen Absurditäten und Emotionen – betrachtet aus der Perspektive eines Physikers.

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Angelo Lombardi in Action beim Standardexperiment «Bestimmung der Curie-Temperatur».