Maturarede

«Plötzlich dieser fiese Schachzug: ‹Ihr dörfed jetzt Du zu mir säge›»

129 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten haben am Freitag, 26. Juni, ihr Maturitätszeugnis entgegennehmen dürfen. Ein Höhepunkt der Abschlussfeier war die Maturarede von Malina Heymann (4mb). Ihre Rede über das Erwachsenwerden gibt's hier nachzulesen.

In den letzten drei Wochen haben an der Kanti Frauenfeld die Maturitätsprüfungen stattgefunden. 129 von 131 Kandidatinnen und Kandidaten konnten ihr Maturitätszeugnis entgegennehmen. Ein Kandidat tritt krankheitsbedingt noch zu mündlichen Nachprüfungen an, ein weiterer hat die Prüfung nicht bestanden.

Zwei ausserordentliche Jimmy-Bauer-Preise

Den Jimmy-Bauer-Preis für die besten Notendurchschnitte im Maturitätsausweis erhalten Karen Horvath mit 5.92 und Erisa Krasniqi mit 5.88. Zusätzlich werden Malina Heymann und Isabel Keller mit einem ausserordentlichen Jimmy-Bauer-Preis für ihr besonderes Engagement ausgezeichnet. Malina hat die Schulredaktion entscheidend mitgeprägt, Isabel wird für ihr aussergewöhnliches kulturelles Engagement geehrt.

Vier Maturandinnen und Maturanden erhalten zudem den Eintrag «Maturité bilingue» für ihren zweisprachigen Abschluss Deutsch-Französisch. Mit der Klasse 4mz schliesst in diesem Jahr auch der zweite Jahrgang die zweisprachige Maturität in Deutsch/Englisch ab.

Kinder sagen «Grüezi», Lehrpersonen darf man duzen

In ihrer Maturarede, die wir veröffentlichen dürfen (vgl. unten), hat Malina Heymann zwei grosse Fragen ins Zentrum gerückt: «Was war denn nun der Kern? Was haben wir gelernt?» Eine Erkenntnis: Die Maturandinnen und Maturanden sind erwachsen geworden. Plötzlich bieten die Lehrpersonen das Du an – und kleine Kinder sagen nicht mehr «Hoi», sondern «Grüezi».

Text: DUL / Bilder: Lukas Diel (3i)

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Maturarede von Malina Heymann

[hinter dem Rednerpult, ablesend, langsam, hölzern]

Liebe Anwesende
Es ist mir eine grosse Ehre, die diesjährige Maturarede halten zu dürfen …



Ach, ich mach das anders!

[nun in der Mitte der Bühne, voller Energie und Begeisterung]

Vier Jahre sind das schon gewesen?
Mir kommt‘s eher vor, als wären‘s zwei.
Was ham‘ wir denn gemacht, gelesen,
Diskutiert, geschrieben, und dabei
Ist die Frage nicht so fern:
Was war denn nun der Kern?
Was haben wir gelernt?

«Jederzeit KI (ChatGPT)
Heimlich und geschickt zu nutzen,
Ohne mit der Wimper zu zucken
Und so Lehrer zu beeindrucken!»

SPASS! :D

Wir ham‘ ja auch was selbst geleistet
(auch ohne KI; ich hab‘s gemeistert
Diesen Text zu schreiben – ohne sie!)

Vor vier Jahren und etwas mehr
Setzten wir uns gegen die Aufnahmeprüfung zur Wehr
Wir bemühten uns sehr, unsere Prüfungen nicht leer,
Sondern voller so verblüffend guter Antworten herzugeben.
Die erste wichtige Prüfung in unserem bisher'gen Leben!

Die News, nach denen alle streben
Die Schülernummer und daneben:
«Prüfung bestanden», ja, da fanden
Wir die Erleichterung spürbar gross
An die Kanti: Achtung fertig looos!

Das Schuljahr begann dann im August
Und erst da wurde uns ganz bewusst
Es ist nicht alles gleich wie zuvor
Nicht nur, dass du n‘ iPad kaufen musst
Nein, wir schauten zu den Lehrern nicht empor
(na ja, zumindest nicht ganz so sehr)
Sondern sie zu uns; sagten sie nun SIE zu uns.

Acht Jahre wurd‘ zu uns DU gesagt,
Und wir hatten uns daran gewöhnt
Wurden viele Jahre lang gefragt:
«Chasch du…?», «Machsch du…?» «Wirsch du…?» ETC
Und das war nun so plötzlich verpönt
Neu wurden Sätze mit SIE gekrönt:
«Könnten Sie bitte…?», «Würden Sie» –– OH WEH!

Doch sind eben Kinder gewesen:
Lernten Manieren, schreiben, lesen!
Auch die Schule hier, die Kanti: – wir
War‘n noch immer im geschützten Raum.
Vorgegebener Stundenplan, – ihr
Habt alles für uns strukturiert, kaum
Entscheidungen gab‘s, Unterricht war
Geführt und aktiv für uns kreiert.

Mit der Zeit hab‘ ich so gelernt,
Das SIE zu schätzen und auch kapiert,
Dass dies doch Gräben zwischen uns, ja mir
Und Lehrperson tatsächlich entfernt
Dass Distanzen kleiner werden,
Und begann leise, für das SIE zu werben.

Mit dem SIE einher ging denn, ja wer?
Frau Augenhöhe und Herr Respekt,
Wurden doch von diesem SIE geweckt.
Ich meine damit nicht direkt,
Sie seien davor nie gewesen,
Es war ja schon immer ein Aspekt
Aber nun schien die Bindung zwischen
Mir und ihnen … ja doch, fast perfekt!

Wir waren nun nicht mehr wie Kinder,
Die es unbedingt zu bändigen galt.
Nein, ich dachte mir, endlich mal schnallt
Mein Gegenüber, bin genug alt
um mit mehr Freiheit umzugehen

Denn ja, wir hatten mehr Freiheiten,
Mussten nicht um uns‘re Position fighten,
Denn wir wurden ja ernst genommen
Gab‘s vorher viele Regeln, an die
Wir uns hielten (oder auch nisch‘…)
War‘s nun erlaubt mit Redbull, Kaffee
Und besonders Mate auf‘m Tisch!
Nicht selten genug hiess es dann:
«So, holed Sie sich doch en Kafi!»
Und wir daraufhin: «Danke, da machi!»

––

Dreieinhalb bis vier Jahre später dann,
Da hatten wir uns grad dran gewöhnt,
uns mit dem SIE der Lehrer versöhnt
Kam plötzlich dieser fiese Schachzug
Na ja, es war eher ein Sprachzug
Der uns wirklich gleich wieder verhöhnt:

«Ihr dörfed jetzt Du zu mir säge,
ich bin denn übrigens de Stefan,
d Hannah oder d Andrea, de Lukas
oder de Andreas, de Andy..»

Niemand, kaum jemand an der Kanti
Hat’s auf Anhieb richtig hingekriegt.
Alles kam doch völlig aus dem Nichts!
Wir brauchten wohl mindestens vier
Monate, um dann die Sonate
Des Duzens fehlerfrei spielen zu könn‘.

Witzigerweise verhiess dieses beidseit‘ge Duzen
Dass wir nun wiederum, endgültig uns‘re Kapuzen
Der vergang‘nen Kindheit ablegten,
Uns in-ner Erwachs‘nenwelt bewegten,

Das klingt so schön und friedlich – jedoch:
War‘s für viele von uns auch ein Schock:

*klopf klopf klopf*

Ja, es klopft an der Tür, wer ist hier?
Das Leben steht dahinter und für
Uns heisst das völlig plötzlich Lebens-
entscheidungen treffen, Abstimmungen,
Rechnungen, Krankenkassenprämien,
selbstständig durch‘s Leben geh‘n
Das eign‘e Zimmer im Elternhaus
Vielleicht ja wirklich nie wieder seh‘n!
>> Man könnte doch auch mal auszieh‘n … HILFEEE <<

Aber ich soll chillen, alles gut!
Die Kanti hat uns auf diesem Weg
In diese Welt, in die wir nun geh‘n, begleitet.
Hat geschaut, dass sich in uns was tut,
Auf‘m Weg vom klein‘n Kind zum Pubertier
Bis dann schliesslich wir
Hier
Steh‘n
Grown up
Ready for the world…  oder so.

Dieses DU-SIE-DU hat uns schliesslich
Und endlich zu Erwachs’nen gemacht,
Diese wunderbare Tat vollbracht.
Am ersten Schultag war‘n wir Kinder.
Dann etwas älter, Teenager, und
Da ist etwas in uns entfacht, wir
sind nun wirklich nicht mehr minder-
jährig, auf‘m Sprung zum Erwachsensein.
Uns wird Kaffee und Alkohol ein-
Geschenkt, und – ha! –  kleine Kinder mein‘
Sie müssen zu uns «Grüezi» sagen!

Ich blick auf diesen lang‘n Weg zurück
Und bin stolz auf uns – wir ham‘s geschafft!
Wir ham‘ das Ganze auch gut gerafft

Die Kanti hat uns auf‘m Weg in
die Welt der Erwachsenen, hierhin begleitet.
Ich blick auf diesen lang‘n Weg zurück
Und mir scheint doch dieser Job geglückt!