
Das Publikum ist da, die Jurytafeln sind verteilt, es wird dunkel im Saal, backstage warten die Slammerinnen und Slammer auf ihren Auftritt. Was geht einem da jeweils durch den Kopf?
Ines Strohmaier: Allen Auftretenden etwas anderes! Manche wiederholen in Gedanken Textzeilen, andere stehen bereit und freuen sich auf die Show. Manche sitzen gemütlich und denken an das Mittagessen, an Gott und die Welt. Manche dehnen sich, machen Aufwärmübungen hinter dem Bühnenvorhang und versuchen so der Nervosität zu trotzen.
Am 28. Oktober um 19.30 Uhr ist es auch an der Kanti Frauenfeld so weit. 14 Schülerinnen und Schüler, die sich in ihren Klassen durchgesetzt haben, warten auf ihren Auftritt am Schulfinal. Wie gelingt ihnen die Performance?
Ines Strohmaier: Indem sie auf ihr Bauchgefühl hören, authentisch sind und sich Mühe geben. Das Publikum spürt, wenn der Person auf der Bühne ihr Text wichtig ist.
Sie stehen als Spoken-Word-Künstlerin seit Jahren auf Slam-Bühnen. Was reizt Sie daran, einen Poetry Slam an einer Schule zu moderieren?
Ines Strohmaier: Literarische Nachwuchsförderung liegt mir sehr am Herzen. Junge Menschen zu supporten bei ihren ersten Bühnenschritten kann sehr berührend und auch lustig sein. Ich mag es, vor Schülerinnen und Schülern zu moderieren, weil sie «real» sind. Es ist nicht leicht, sie für sich zu gewinnen, und das ist gut so. Ein Schulpublikum ist immer ehrlich und knallhart. Ist es dabei, gibt es einem umso mehr zurück.
Der Anlass ist öffentlich. Auch Angehörige und alle weiteren Interessierten sind herzlich willkommen. Warum wird es sich lohnen, diesen Anlass zu besuchen?
Ines Strohmaier: Aus demselben Grund, warum wir zuhause Netflix streamen: Entertainment. Poetry Slam ist so mitreissend wie ein Fussballmatch. Der Abend wird bunt, lustig, packend, und wer mit offenem Herzen kommt, wird Beiträge hören, die Gänsehaut bereiten und zum Nachdenken anregen. Die Stimmen der Schülerinnen und Schüler verdienen es, gehört zu werden.
Einige werden noch nie an einem Slam gewesen sein. Können Sie Poetry Slam in drei Sätzen erklären?
Ines Strohmaier: Ein Poetry Slam ist ein Wettstreit, bei dem Poetinnen und Poeten ihre selbstverfassten Texte in einem zeitlichen Rahmen von maximal sechs Minuten ohne den Gebrauch von Verkleidungen oder Requisiten performen. Ob Comedy, Storytelling, Rap oder Lyrik – bei einem Poetry Slam steht das gesprochene Wort im Vordergrund. Das Publikum ist die Jury und entscheidet, wer den Abend gewinnt.
Ist es fair, dass am Ende die Jury entscheidet?
Ines Strohmaier: Die Antwort ist: nein. Aber das darf keine Rolle spielen. Ab dem Moment, wo es das tut, steht nicht mehr das gesprochene Wort im Vordergrund, und Poetry Slam verliert seinen Reiz. The points are not the point, the point is poetry, wie Allan Wolf sagte.
Was für einen Preis erhalten Siegerinnen und Sieger jeweils?
Ines Strohmaier: Ruhm, Ehre und vielleicht eine kleine Topfpflanze, süsse Katzensocken oder Sirup. Früher gab es auf Poetry Slams traditionell eine Flasche Whisky zu gewinnen. Heute findet die Szene, dass eine selbstgebastelte Papierkrone, je nach Region eine Kuhglocke oder eine andere kleine Aufmerksamkeit cooler ist – vor allem, weil viele Poetinnen und Poeten gar nicht mehr trinken und Alkohol auf der Bühne nicht verherrlicht werden soll. Letztlich geht's nicht um Trophäen, die in staubigen Regalen stehen, sondern um Worte, die wir teilen ...
... und an der Kanti Frauenfeld auch darum, wer unsere Schule im November am grossen Finale der Mittelschul-Slam-Meisterschaften 2026 in St. Gallen vertreten wird. Apropos Worte, die geteilt werden: Was macht für Sie einen guten Slam-Text aus?
Ines Strohmaier: Ein guter Slamtext ist abwechslungsreich und handwerklich gut gemacht. Er ist mutig, probiert aus, eckt an und löst auf. Wenn man ihn hört, denkt man sich: Das habe ich so noch nicht gehört ... warum ist mir das nicht eingefallen?
Sie sind schon lange in der Szene dabei. In Vorarlberg sind Sie zum Slam gekommen, heute leben Sie zwischen Bregenz und Bern. Was hält Sie bis heute in der «slamily»?
Ines Strohmaier: Die Slamszene besteht aus vielen lieben Menschen, die auch über die Szene hinaus für Kunst und Kultur brennen. Die daraus entwachsenen Freundschaften und Literaturprojekte schätze ich sehr. Ich halte Poetry Slam für ein vergleichsweise zugängliches, nahbares und anpassungsfähiges Format, das aktuelle Themen aufgreift und Raum für das Experimentieren mit Sprache lässt.
Interview: DUL / Bilder: Wiebke Zollmann
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Schulfinal: Mittwoch, 28. Oktober, 19.30 Uhr, Aula Neubau, Kanti Frauenfeld
Das Schulfinale im Poetry Slam startet am Mittwoch, 28. Oktober 2026, um 19.30 Uhr in der Aula Neubau. Der Eintritt ist frei. Die Siegerin bzw. der Sieger vertritt die Kanti Frauenfeld am Ostschweizer Finale der Mittelschul-Slam-Meisterschaften 2026 und wird am 26. November in St. Gallen gegen die Siegerinnen und Sieger aus Wattwil, Wil, Kreuzlingen, Romanshorn, St. Gallen (Kanti am Burggraben) und Gossau (Gymnasium Friedberg) antreten. Getragen wird das Projekt von der Stiftung Rhetorika-Haus St. Gallen in Zusammenarbeit mit dem Verein Solarplexus.