Studienwoche

Was bleibt: Die Klasse 3md beschäftigt sich in Nürnberg mit der NS-Geschichte

Die Klasse 3md ist für eine interdisziplinäre Studienwoche nach Nürnberg gereist. Flavio Damur fragt sich in einem Foto-Essay, wie man heute mit NS-Bauten umgehen soll. Antonia Boltshauser und Ella Engel wiederum haben den Film «Nürnberg» gesehen, den Saal 600 besucht und schreiben über die Nürnberger Prozesse.

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Was bleibt

Foto-Essay von Flavio Damur



Ein Besucher liest das Schild. «Eingang», sogar zweisprachig. Banal und sachlich, mit Öffnungszeiten. Ein banales Schild für so einen Ort. Denn erst auf den zweiten Blick sieht man, dass es sich um das Dokumentationszentrum des Reichsparteitagsgeländes handelt, das direkt in die Kongresshalle gebaut ist. Was bedeutet es, wenn ein Ort, der ursprünglich zur Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda gebaut worden ist, in der heutigen Zeit weiterlebt? Wie geht man heute damit um? Dazu möchte ich im Folgenden, mithilfe einiger Bilder, ein paar Gedanken festhalten.

Der Eingang zum Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände – eingebaut in die ehemalige Kongresshalle.

Um zu verstehen, was auf dem Spiel steht, lohnt sich ein Blick zurück: Ab 1933 fanden auf dem Reichsparteitagsgelände jährlich die Reichsparteitage der NSDAP statt – durchinszenierte Propagandaveranstaltungen mit Aufmärschen von SA, SS, Wehrmacht und Hitlerjugend, an denen zeitweise über eine Million Menschen teilnahmen. Albert Speer plante das Gelände in gigantischen Dimensionen: Das «Deutsche Stadion» etwa hätte über 400’000 Zuschauern Platz geboten und wäre das grösste Stadion der Welt geworden, die Kongresshalle war für 50’000 Menschen gedacht. Verwirklicht wurde davon nur ein Bruchteil: Mit Kriegsbeginn 1939 kamen die Bauarbeiten zum Ende und die Kongresshalle blieb bis heute ohne Dach. Vielleicht ist gerade das Unfertige ein Symbol: ein grössenwahnsinniger Plan, der an der Realität gescheitert ist.

Heute machen Touristen Fotos von der Kongresshalle. Den Nazis hätte dies auf den ersten Blick vielleicht gefallen. Doch die Touristen kommen heute aus ganz anderen Gründen nach Nürnberg. Die Nazis wollten zwar auch, dass Menschen nach oben schauen, jedoch ehrfürchtig und eingeschüchtert, damit sie sich klein fühlen. Heute kommen Menschen hierher und fotografieren aus anderem Interesse. Was früher für die Inszenierung von Macht da war, ist heute zum Verstehen und Verarbeiten der Vergangenheit da. Die Geste ist vielleicht dieselbe, der Inhalt aber umgekehrt. Die Form der Propaganda ist noch da; sie erzeugt Staunen, vielleicht auch Angst. Jedoch von einer anderen Seite.

Besucherinnen und Besucher fotografieren die einstige Kongresshalle.

Die Kongresshalle während der Bauarbeiten am neuen Opernhaus.

Heute wird im unfertigen Innenhof des Kongressgebäudes ein Opernhaus gebaut. Es wird bepflanzt, was es grün und lebendig macht. Man könnte also sagen, dass in die starre und harte Architektur der Nazis Leben gepflanzt wird. Vielleicht, um die schlimme Zeit etwas zu überdecken: von der roten Nazi-Fahne zur grünen Opernhalle. Man könnte sich jetzt fragen, ob das moralisch vertretbar sei. Ob es respektlos gegenüber den Opfern ist oder ob es sogar aktiv zum Vergessen der dunklen Vergangenheit beitragen soll. Das denke ich jedoch nicht: Denn das Gebäude steht ja noch – so, wie es die Nazis selbst nie ganz vollenden konnten. Es wird lediglich die «Seele» verändert.

Orangefarbene Toilettencontainer auf dem Reichsparteitagsgelände.

Das Lidl-Zelt auf dem Reichsparteitagsgelände.

Zwei kontroverse Bilder – so sieht es auf den ersten Blick aus. Knallige orange Toiletten, mitten auf dem Reichsparteitagsgelände. Zusätzlich soll ein Lidl-Zelt Besucher eines Festivals versorgen, das auf dem grossen Platz vor dem Reichsparteitagsgelände stattfinden soll. Feiern auf dem Propagandagelände der Nazis? Heisst das nicht, dass man so auch indirekt das Gelände feiert? Denn man könnte sich doch bestimmt einen anderen Ort aussuchen. Geschmacklos, würden manche sagen.

Auch hier würde ich aber, ähnlich wie beim Opernhaus, gegenargumentieren. Denn vielleicht ist genau das die grösste Geste der Normalität. Eine Geste des Sieges über die NS-Ideologie. Der Platz gehört wieder den Menschen. Sie haben ihn zurückerobert. Und mit dem Festival auch ein grosses Stück Menschlichkeit, welche früher auf diesem Platz in keiner Hinsicht vorhanden war. Würde man den Platz nicht betreten, sich einschüchtern lassen, dann hätte man den Nazis fast ihr langfristiges Ziel erfüllt und sie – symbolisch betrachtet – nicht ganz besiegt. Für mich ist dieses Festival deshalb ein klarer Sieg. Es steht für die Rückkehr der Menschlichkeit, weil es eben menschlich ist, Freude und Spass haben zu wollen.

Werbeschild auf dem Reichsparteitagsgelände.

Mit diesen Überlegungen kann man auch dieses Werbeschild betrachten: Ein fröhliches «Chill mal den Tag!», wenige Meter vom Dokumentationszentrum entfernt. Darf man aber auf so einem Gelände «einfach chillen»? Ich behaupte schon. Aber: mit Bewusstsein. Das Ziel ist es nicht, die Vergangenheit zu vergessen. Das wäre fatal. Ziel ist es, die dunkle Ideologie zu verdrängen und sie mit menschlicher zu füllen. Das ist der wichtige Unterschied zwischen Vergessen und Verdrängen. Und ich behaupte, dass die meisten Menschen, die einen Fuss auf dieses historische Gelände setzen, sehr wohl vertraut mit dessen Vergangenheit sind. Und das ist, was wir mit solchen Überbleibseln erreichen wollen.

Der Umgang mit historischen Gebäuden, gerade mit solchen, die eine solch dunkle Vergangenheit in sich tragen, ist schwierig. Egal was damit gemacht wird – man kann es immer als kontrovers betrachten. Abschliessend würde ich aber immer von zwei Arten von Angst sprechen, die diese Gebäude aufzeigen:

Die Gebäude wurden als Instrumente der Angst gebaut und sollten den Menschen klein und unbedeutend erscheinen lassen. Diese Gebäude erzeugen heute immer noch Angst. Jedoch auf eine andere Art. Was früher ein Angstmittel von oben war, fungiert heute als Angst in Form von Erinnerungen. Die Angst, dass sich das wiederholen könnte. Und diese Angst muss dringlich bleiben. Deshalb bleiben die Gebäude. Und die Menschen verstehen.

Wenn ich durch Nürnberg laufe, sehe ich eine normale Stadt. Und das ist gut so. Aber nur, weil wir wissen, was darunterliegt. Wer heute durch den unscheinbaren Eingang tritt, betritt deshalb nicht nur ein Dokumentationszentrum, sondern genau dieses damit verbundene Bewusstsein.

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Zwischen Film und Wirklichkeit – Eindrücke aus dem Saal 600

Die Nürnberger Prozesse legten den Grundstein für das heutige Völkerrecht und die internationalen Gerichte. Durch den Besuch der historischen Gebäude und dem passenden Film erhielten wir einen eindrucksvollen Einblick in die Bedeutung dieses Ortes.

Eine Reportage von Antonia Boltshauser und Ella Engel

Der Saal 600 heute – und das Filmplakat zu «Nürnberg».

Wir betreten den Saal 600 im Memorium der Nürnberger Prozesse. Im Jahr 1945 standen hier die 21 Hauptkriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs vor Gericht. Bis vor wenigen Jahren wurde der Saal noch für Gerichtsverhandlungen genutzt, heute dient er ausschliesslich als Erinnerungsort.

Besonders auffällig sind die vier prachtvollen Kronleuchter, die von der Decke hängen. Im Vergleich dazu wirkt die übrige Einrichtung eher schlicht und funktional. All dies rückt jedoch in den Hintergrund, sobald man sich bewusst macht, welche historischen Ereignisse sich vor rund 80 Jahren in diesem Raum abgespielt haben.

Auch wenn Möbel, Kronleuchter und Vorhänge in den 1960er Jahren ersetzt wurden, ist di besondere Atmosphäre der damaligen Prozesse bis heute spürbar. Um uns noch intensiver in die Stimmung der Nürnberger Prozesse hineinzuversetzen, haben wir den Film «Nürnberg» angesehen.

Die schweren grünen Vorhänge sind zugezogen, vor ihnen sitzen die Richter. Der gesamte Saal ist gefüllt mit Journalistinnen und Journalisten, Anwälten und Schaulustigen. Im Angeklagtenstand sitzt Hermann Göring. Seine hellblaue Uniform bis oben zugeknöpft. Die Arme auf die Lehne gestützt, eine vermeintliche Machtposition.

Obwohl es sich nicht um historisches Filmmaterial handelt, erscheint diese Szene in Schwarz-Weiss auf der Leinwand. Andere Szenen hingegen, wie beispielsweise der Kurzfilm über die Konzentrationslager, der im Gerichtssaal gezeigt wird, sind tatsächlich historisches Filmmaterial. Wir finden diese Darstellung etwas irreführend, da dadurch der Eindruck entsteht, dass auch die zuvor gezeigte Szene authentisches Archivmaterial ist. Eine klarere visuelle Abgrenzung zwischen Film und historischem Filmmaterial wäre für die Zuschauenden angenehmer.

Die Nürnberger Prozesse, die im Herbst 1945, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, begannen, endeten im Herbst 1946 nach insgesamt 218 Verhandlungstagen. Die Alliierten – die USA, die Sowjetunion, Grossbritannien und Frankreich – beschlossen, die führenden Vertreter des nationalsozialistischen Regimes für ihre Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen.

Die Befragung startet und Hermann Göring beharrt darauf, von nichts gewusst zu haben. Dann holt der Ankläger Luft und stellt seine letzte Frage: «Knowing what we know now, knowing what happened to six million Jews, I have to ask: Would you still follow the Führer, Adolf Hitler?» Stille. Alle Blicke richten sich auf Göring. Man hört nur noch das Knarzen der Stühle.

Was heute wie eine aussichtslose Situation für die Angeklagten erscheint, war damals nicht so selbstverständlich. Zum ersten Mal in der Geschichte mussten sich Politiker und Militärführer vor einem, bis dahin nicht vorhandenen, internationalen Gericht für ihre Verbrechen verantworten. Da man niemanden direkt dafür verurteilen kann, dass ein Krieg stattgefunden hat oder dass im Krieg Menschen ums Leben gekommen sind, wurden die Angeklagten auf der Grundlage des Völkerrechts in folgenden vier Punkten beschuldigt: (1) gemeinsamer Plan oder Verschwörung, (2) Verbrechen gegen den Frieden, (3) Kriegsverbrechen und (4) Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Nach einem kurzen Schweigen antwortet Göring bestimmt, aber im vollen Bewusstsein, dass dies sein Todesurteil sein würde: «Yes, I would.» Der ganze Saal wird unruhig, einerseits aus Erstaunen, anderseits aus neuer Hoffnung und Erleichterung, dass dieser Mann am Ende für das eingestehen muss, was er getan hat. Der Richter muss seinen Hammer benutzen, um wieder Ruhe zu schaffen. Und dann, um sein Todesurteil zu besiegeln, kommt von Hermann Göring noch ein deutliches «Heil Hitler».

Hermann Wilhelm Göring wurde am 12. Januar 1893 in Rosenheim geboren und starb am 15. Oktober 1946 in Nürnberg. Er war einer der einflussreichsten nationalsozialistischen Politiker. Zu seinen Lebzeiten hatte er die verschiedensten Titel und Verantwortungen inne. Er war Oberbefehlshaber der Luftwaffe, übernahm die Führung der deutschen Wirtschaft, war SA-Gruppenführer, Reichstagspräsident und Hitlers designierter Nachfolger.

Während wir immer noch auf einem der Publikumsbänke im Saal 600 sitzen, schweift unser Blick nach vorne auf die Richterbank. Diese befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, dem Publikum zugewandt, und nicht mehr, wie während der Nürnberger Prozesse, vor den zugezogenen Vorhängen. Auch die Anklagebank hat ihren Platz geändert. Sie war dem Publikum zugewandt damit die Journalistinnen und Journalisten zu jedem Zeitpunkt mögliche Emotionen in den Gesichtern der Angeklagten sehen konnten. Zudem erscheinen die Vorhänge eher petrolfarben als grün und der Zuschauerraum ist kleiner.

Die Macht und der Einfluss, die Hitler erreichen konnte, sind trotz unseres Wissens über diese Zeit immer noch erschreckend. Eigentlich war er ein Mann, der in seinem Leben zuvor kaum Erfolg hatte: ein Österreicher mit einer gescheiterten Kunstkarriere, der weder «gut gebaut» war noch überhaupt dem nationalsozialistischen Idealbild des «Ariers» entsprach. Doch anscheinend hatte er die Begabung, gut zu reden und die Menschen von seinen absurden Ideen zu überzeugen. Anders können wir es uns nicht vorstellen.

Am Beispiel von Hermann Göring wird dies deutlich sichtbar. Wie Douglas Kelley, der Psychiater, im Film sagt, war Göring vor allem eines wichtig: Hermann Göring selbst. Sein Ego schien alles zu überragen. Tatsächlich glaubte er bis zum Schluss, dass er in einigen Jahren als Held gefeiert werden würde. Und dennoch nahm er am Ende lieber sein Todesurteil hin, als sich gegen Adolf Hitler zu stellen. Das zeigt, wie enorm die Macht und der Einfluss waren, die Hitler auf die Menschen um ihn herum ausübte. Uns kam der Gedanke, dass die Nazi-Ideologie vielleicht auch als Ersatzreligion funktioniert hat.

Mit einem schweren Gefühl im Magen verlassen wir den Saal 600 wieder.