Von Nürnberg zur globalen Gerechtigkeit: Wie die Nürnberger Prozesse die Welt veränderten

REPORTAGE DER STUDIENWOCHE 3ma (III/III): Nürnberg im Jahr 1945 - die einst schöne Handwerkerstadt liegt in Trümmern. Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Erst jetzt kommt das wahre Ausmass der Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes ans Licht. Die Alliierten stehen vor der Herausforderung, die Täter vor Gericht zu stellen und den Millionen unschuldiger Opfer Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Der Justizpalast in Nürnberg ist ein beeindruckendes Gerichtsgebäude. Als ich darauf zu gehe, wirkt das 1916 fertig gestellte Kalksteingebäude massiv und fast einschüchternd. Der Saal 600 ist nicht weniger beeindruckend. Der Gerichtssaal wurde eigens für die Nürnberger Prozesse umgestaltet, um einen Prozess von internationaler Bedeutung abhalten zu können.  

Allein die Vorstellung, dass einst die grössten Kriegsverbrecher Deutschlands in diesem Raum sassen und auf ihr Urteil warteten, ist erschreckend und beeindruckend zugleich. Es ist schwer nachzuvollziehen, wie es sich damals angefühlt haben muss, welche Emotionen in diesem Raum herrschten, welches Leid unschuldige Menschen durch die Angeklagten erfahren mussten, wie die kalten Blicke der NS-Hauptverantwortlichen keinen Ansatz von Reue zeigten.

In einem eindrücklichen Film erwacht diese Atmosphäre zum Leben. Umgeben vom Saal 600, in dem man die Geschichte förmlich atmen hört, erscheint auf einer Leinwand eine Zeitreise 80 Jahre zurück in die Vergangenheit. Die Szenerie erwacht Stück für Stück zum Leben. Richter, Anwälte, Verteidiger, Zeugen und Angeklagte nehmen ihre Plätze ein. Beim Anblick der Angeklagten kommt ein mulmiges Gefühl in mir auf. Ihr kaltes und gefühlloses Auftreten löst in mir nur Unverständnis aus. Wie können Menschen solche Gräueltaten wie Völkermord in diesem Ausmass, Zwangsarbeit, Menschenexperimente, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen und dann nicht einmal den kleinsten Hauch von Reue zeigen?

Das Ausmass der Verbrechen nahm im Zweiten Weltkrieg eine ganz neue Dimension an. Das Kampfgeschehen richtete sich zunehmend auch gegen die Zivilbevölkerung. Sie wurden gefangen genommen, eingesperrt, deportiert, zu Zwangsarbeit gezwungen und systematisch getötet.

Gerechtigkeit für die Millionen unschuldigen Opfer zu erreichen, stellte die Alliierten vor eine grosse Herausforderung. Obwohl rechtliche Grundlagen wie die Genfer Konventionen in denen wichtige Komponenten des humanitären Völkerrechts geregelt sind, vorhanden waren, konnte man nicht für Kriegsverbrechen verurteilt werden. Die United War Crimes Comission entwickelte während des Zweiten Weltkrieges Ideen zur strafrechtlichen Verfolgung von Kriegsverbrechern. Den Durchbruch für das Völkerstrafrecht lieferte die „Moskauer Erklärung“ von 1943. Otto Böhm, Mitarbeiter am Memorium der Nürnberger Prozesse, betont: „Die Moskauer Erklärung brachte erstmals die rechtliche Grundlage dafür, dass Kriegstäter in den Ländern belangt werden konnten, in denen die Verbrechen begangen wurden. Dadurch wurde es erstmals möglich, Kriegstäter auf einer rechtlichen Grundlage zu bestrafen.“ Nach Ende des Krieges 1945 wurde ein internationaler Militärgerichtshof eingerichtet, um über die Hauptkriegsverbrecher des NS-Regimes in den Punkten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen den Frieden zu urteilen.

Die Bedeutung der Nürnberger Prozesse geht über ihre unmittelbaren Auswirkungen hinaus. Sie markieren einen Wendepunkt in der Entwicklung des Völkerstrafrechts und der internationalen Justiz. So wurde als Folge der Nürnberger Prozesse der Internationale Gerichtshof in Den Haag gegründet.

In jüngster Zeit entstand ein grosses mediales Interesse an dem Gerichtshof aufgrund der Ereignisse in der Ukraine. Der Film im Saal 600 visualisiert die Thematik auf sehr eindrucksvolle und moderne Weise. In starkem Kontrast zu den Geschehnissen der Nürnberger Prozesse wird die Putin-Ukraine Thematik auf moderne Weise durch Twitter-Nachrichten veranschaulicht. Ein Tweet nach dem anderen erscheint auf der Leinwand und alle über dasselbe Thema: „Die Verurteilung Putins.“ Dabei geht es vor allem darum, wie er für die Verbrechen in der Ukraine zur Rechenschaft gezogen wird oder besser gesagt, gezogen werden sollte. Denn der Internationale Gerichtshof hat keine Gewalt, die das Urteil vollstrecken könnte. Sie haben keine Möglichkeit, den Haftspruch gegen Putin geltend zu machen. Deshalb frage ich mich, welche Bedeutung dieser Internationale Gerichtshof hat und ob die Menschheit überhaupt etwas in den 80 Jahren seit den Nürnberger Prozessen gelernt hat. Otto Böhm meint dazu: „Die Wichtigkeit des Internationalen Gerichtshofs liegt viel mehr darin, Untersuchungen über solche Verbrechen wie in der Ukraine durchzuführen, um so das Bewusstsein der Menschen für diese schrecklichen Taten zu stärken.“
 
Als ich den Justizpalast verlasse, überkommt mich ein Gefühl der Hoffnung. Die Nürnberger Prozesse haben die Grundlage für das Völkerstrafrecht gelegt und den Weg für den Internationalen Gerichtshof geebnet. Doch die Herausforderungen globaler Gerechtigkeit bleiben bestehen. Es liegt an uns, aus der Geschichte zu lernen und gemeinsam dafür zu kämpfen, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit niemals unbestraft bleiben. Möge die Erinnerung an die Nürnberger Prozesse uns immer daran erinnern, dass Gerechtigkeit und Würde für alle Menschen unerlässlich sind.

Text von Jonas Thalmann, 3ma